Urban Sketchen – Artist’s Journaling – gezeichnete Reportage

Was ist Urban Sketchen?

Urban Sketchen ist sehr angesagt und meint eine visuelle Reportage von urbanen Szenen. Alle Medien sind möglich und gezeichnet wird vor Ort. Nicht von Fotos, Stillleben und Modellen. Wobei Menschen natürlich auf Urban Sketches gehören, aber nur spontan erfasste Personen in Cafés, auf Straßen, in Kirchen, in Museen und vieles mehr. Viele Urban Sketchers arbeiten in Skizzenbüchern, manche mit Aquarellpapier oder anderen losen Blättern. Die Grenze zwischen Plein Air Malerei und Urban Sketchen lässt sich nicht ganz scharf ziehen.

Urban Sketchers sind in Sozialen Medien organisiert. Das jährliche Treffen der deutschsprachigen Urban Sketchers fand 2019 in Augsburg statt, vielen Dank an die fleißigen Ehrenamtlichen!  Über die VHS wurden Kurse und Veranstaltungen organisiert. Alles war längst ausverkauft, aber einige Termine waren für alle offen, so zum Beispiel am Sonntagvormittag das „Zeichnen für alle“ und die Skizzenbuchausstellung. Die Stadt war voll mit Menschen, die überall saßen und gezeichnet haben. Das Augsburg gerade noch rechtzeitig zum UNESCO Weltkulturerbe wurde, passte natürlich wunderbar.
Das BR Fernsehen hat eine Reportage über „Zeichner der Zeit“ ausgestrahlt, darin wird auch kurz über das Treffen der über 200 Zeichner in Augsburg berichtet.

Artist’s Journaling – Arbeiten in Skizzenbüchern

Malen und zeichnen in Skizzenbüchern – Artist’s Journaling – ist völlig frei von Vorgaben: Papier, Medien, vor Ort, von Fotos, aus der Fantasie, Vorarbeiten zu Gemälden, Mitschriften in Workshops, eine Mischung aus Tagebuch und Skizzenbuch, alles ist möglich und denkbar. Für viele Künstler ist die Arbeit in Skizzenbüchern das Ziel, andere verwenden Ideen und Skizzen für neue Kunstwerke.

Ich mische alles querbeet. In meinen Skizzenbüchern finden sich Urban Sketches, Tagebucheintragungen, Farbversuche, Portraitversuche, Tests von Tinten und Tuschen, aufgeklebte Stadtpläne, Konzertkarten, Teilnahme an Challenges wie Every Day in May oder Inktober. In intensiven Zeichenzeiten habe ich mit mehreren Skizzenbüchern gleichzeitig gearbeitet, je nach Menge des verwendeten Wassers mit mehr oder weniger dickem Papier.

Skizzenbücher, beschriftet und mit Label, um Inhalte wiederzufinden
Beschriftung der Skizzenbücher

Artist’s Journal Workshop

Das gleichnamige Buch von Cathy Johnson, eine sehr geschätzte Facebook-Freundin, enthält Zeichnungen und Skizzen von vielen bekannten Künstlern und Urban Sketchers. Es beschreibt u. a.:

  • wie man mit einem Skizzenbuch startet und die Hemmung vor dem ersten Strich überwindet,
  • wie Schrift und Bild kombiniert werden können,
  • welche Materialien zur Auswahl stehen,
  • wie Designs von Seiten gestaltet werden können,
  • welche Arten von Journals möglich sind – z. B. Reisejournal oder Naturjournal,
  • die spirituellen Aspekte eines Journals und
  • wie kreative Blockaden und Zweifel überwunden werden können.

Cathy hat dazu eine Facebookgruppe gegründet, die mittlerweile knapp 25000 Mitglieder hat. Hier geht’s zu ihrem Flickr-Account, ein Bild von ihr darf ich hier posten.

Eine Skizze von einem See mit Bäumen im Hintergrund, gemalt von Cathy Johnson
Eine Skizze von Cathy Johnson, mit freundl. Genehmigung

Freude am Zeichnen wiederentdeckt

Vor zwei Jahren habe ich mich in zu vielen Ausstellungen, Zeichen- und Malgruppen, Wettbewerben und Ausschreibungen verstrickt, was auch in Zusammenhang mit Social Media sehr zeit- und kräfteraubend war und meine Begeisterung vorübergehend in Luft aufgelöst hat.

Alles hat gute und schlechte Seiten, sogar ein Unfall mit einem Außenbandriss als Folge. Dann kann man keinen Sport machen, nicht viel laufen und hat auf einmal ganz viel Zeit. Die kann man zum Beispiel so nutzen, dass man aus dem Krankenhaus kommt, anschließend in den benachbarten Park geht und zeichnet.

Kleine Zeichenausrüstung

Und bei der Gelegenheit die verloren gegangene Freude am Zeichnen wiederentdeckt. Der Unfall war für mich eine Chance, wieder in das Zeichnen einzusteigen. Ein Füller, ein Wasserpinsel und ein Skizzenbuch, nur eine kleine Ausrüstung, die immer dabei sein kann im Alltag.

Keine Aquarellausrüstung mit Pinseln, Palette, Farben, Wasserbehälter. So viel Zeug hält mich davon ab, tatsächlich ins Tun zu kommen. Oder die Malsachen überhaupt mitzunehmen. Bei einem Treffen mit den Urban Sketchers ist das etwas anderes. Da ist der Termin darauf ausgerichtet, dass man zusammen zeichnet und malt, da nehme ich noch viel mehr mit.

Das visuelle Tagebuch

Gerade jetzt in der Sommerzeit ist man viel unterwegs. Nachdem ich fußlahm war, habe ich mich öfter abgesetzt und die Möglichkeit zum Zeichnen genutzt. So wurde ich z. B. beim Ex-Studententreffen nahe Leipzig unterwegs zurückgelassen und nach einer dreiviertel Stunde mit dem Boot am Karl-Heine-Kanal abgeholt.

Auch Festivals bieten eine wunderbare Gelegenheit zum Zeichnen vor Ort. Während den Augsburger Sommernächten hat Karl Meyer die Musiker Bebof Deluxe in mein Skizzenbuch gezeichnet. Er hat keinerlei Scheu vor Publikum, seine Zeichnung ist sehr gut angekommen und wurde ausgiebig von Umstehenden fotografiert. Das hat mir Mut gemacht, am nächsten Abend während einer Travestie-Show mit jeder Menge Zuschauer auf dem Rasen sitzend zu zeichnen.

Meine Zeichnung wurde dann auch ausgiebig fotografiert und gelobt. Ein vielleicht 10-jähriges Mädchen hat allen Mut zusammengekratzt, sich vor mich hingestellt und gesagt: „Sie können sehr schön zeichnen.“ Vielen, lieben Dank!

Beim Nightfever in St. Ulrich und Afra habe ich die Gläubigen festgehalten; meinen ehemaligen Chor beim Singen auf dem Philippine-Welser-Platz; beim Besuch eines Freundes die Harburg skizziert und meine Tochter bei einem Yoga-Retreat mit Dr. Ronald Steiner. Der Kirtansänger Krishna Das und seine Band haben ihre Autogramme auf meiner Skizze hinterlassen.

Unterwegs mit den Augsburger Urban Sketchers

Nach einer fast zweijährigen Pause habe ich die Chance genutzt und war wieder mit den Augsburger Urban Sketchers unterwegs. Ich war das erste Mal beim Drink & Draw dabei, die Veranstaltung wird in der Regel von Joachim Heinrich organisiert, hier geht’s zu seiner privaten Facebookseite.

Urban Sketchen auf dem Klavier

Ja, auch das geht und war 2018 eine großartige Aktion, organisiert von Daniel Nies. Im Rahmen des internationalen Projektes Play me I’m yours hat die Stadt Augsburg 10 gebrauchte Pianos für die kreative Gestaltung ausgeschrieben. Daniel hat im Namen der Augsburger Urban Sketchers an der Ausschreibung teilgenommen und den Zuschlag bekommen, hier ist die Dokumentation dazu auf Flickr.

Das von den Urban Sketchers gestaltete Piano schaut einfach umwerfend aus.
USK Augsburg – Play me I’m yours, Foto: Daniel Nies, mit freundl. Genehmigung

Das Klavier wurde im Vorfeld weiß gestrichen und in einer gemeinsamen Aktion mitten auf dem Rathausplatz hat dann das Urban Sketchen stattgefunden. Ich war nur zu Besuch, aber es war eine großartige Atmosphäre. Ein paar Sketcher haben gezeichnet, ab und an hat jemand ein paar Lieder gespielt und viele Zuschauer haben das Ganze bestaunt und bewundert.

Später standen die Klaviere in verschiedenen Stadtteilen zur freien Verfügung. D. h. jeder konnte die Klaviere zum Spielen nutzen. Ein paar Konzerte von professionellen Pianisten gab es auch. Das Klavier der Urban Sketchers ist auf dem Elias-Holl-Platz gelandet, da gab es auch noch ein Treffen der USK Augsburg. Und letztlich hat Daniel das Klavier günstig ersteigern können. Hier habe ich anderes, gemeinsames Abenteuer im Blog beschrieben.

Der Prozess des Zeichnens und die Erinnerung

Wie vermutlich viele Zeichner denke ich bei fast jedem Urban Sketch, dass könnte besser sein, die Ähnlichkeit ist nicht gegeben, die Blattaufteilung wäre anders besser und und und…. Darum geht es aber nicht. Es geht um den Prozess, das Tun. Das Ergebnis spielt keine Rolle und wird zwangsläufig besser bei häufigem Tun.

Wenn man eine Stunde konzentrierte Aufmerksamkeit in die Zeichnung vor Ort investiert hat, bleibt diese Zeit erhalten. Es brennt sich ins Hirn. Spätestens wenn man die Zeichnung wieder anschaut, ist alles wieder da: das Licht, die Temperatur, der meist ungemütliche Sitzplatz und die nervigen Insekten, die Umgebungsgeräusche, die eigene Befindlichkeit in dem Moment, andere Menschen. Es ist eine sehr viel intensivere Erinnerung als ein Schnappschuss mit dem Handy.

Urban Sketchers im Pentagon und im Niederländischen Königshaus – die gezeichnete Reportage

Die Überschrift klingt seltsam und ist nicht richtig. Aber beide Institutionen haben herausragende Zeichner beauftragt, verschiedene Aktivitäten zu bestimmten Anlässen zeichnerisch festzuhalten. Vermutlich ist in dem Zusammenhang nie von Urban Sketchen die Rede gewesen, allerdings entspricht die Arbeitsweise dieser Zeichner dem Manifest der Urban Sketchers.

Ich meine zum einen Richard Johnson, er stellt seine Zeichnungen und Berichte von Kriegsgebieten in Facebook vor. Er ist ein enorm talentierter Zeichner, der mit einfachsten Mitteln – meist nur Kuli – Situationen und vor allem Menschen extrem gut einfangen kann.

Und zum anderen meine ich Rien Poortvliet, der mit Sicherheit nie den Begriff Urban Sketchen gehört hat, obwohl er es täglich getan hat. Er ist leider schon 1995 verstorben. Seine Skizzen finde ich unfassbar gut und ich werde ihm einen ganzen Blogbeitrag widmen. Er wurde einmal vom Königshaus beauftragt, die monatelangen Vorbereitungen und Durchführung der Parade zum Prinsjesdag zeichnerisch zu dokumentieren. Hier sind ein zwei Beispiele aus seinem Buch „Pferde“.

Unglaubliche Vielfalt beim Urban Sketchen und im Skizzenbuch

Urban Sketchen und in Skizzenbüchern zeichnen kann jeder. Viele Zeichner widmen sich dem sehr intensiv. In der Szene sind viele Urban Sketchers bekannt und haben einen ganz eigenen, unverwechselbaren Stil entwickelt. Wenn ich hier anfangen würde, alle Zeichner vorzustellen, deren Arbeiten ich bewundere, würde der Beitrag nie ein Ende finden.

Es gibt Webseiten für die globale Organisation, die deutsche Orga und die Augsburger Urban Sketchers. In allen Social Medien finden sich USK-Gruppen. Es gibt viele Bücher zum Thema, häufig werden in diesen Büchern mehrere Dutzende Zeichner mit ihren jeweiligen Materialien vorgestellt. Viele Zeichner und Urban Sketchers bieten Workshops an. Auch ich stehe bei Anfrage für einen Workshop zur Verfügung.

In Wikipedia ist ein schöner Artikel über Urban Sketchers. In dem Artikel wird auf die integrative Seite der Bewegung hingewiesen. Alle Zeichner sind willkommen, unabhängig vom Stand des Können. Es geht um den Geist der Kameradschaft und des Teilens.

Über Kommentare, Fragen, Kritik zum Beitrag freue ich mich.
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